Interview

"Ich esse sehr gerne Lakritz"

Daniel Bahr im Gespräch mit "schekker - das Jugendmagazin der Bundesregierung"

Gesundheitliche Laster hat auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Im Schekker-Interview verrät er außerdem wie er mit der EHEC-Epidemie umgegangen ist.

Schekker.de: EHEC war in letzter Zeit Topthema: Steckte da auch Panikmache dahinter?
Daniel Bahr: Es gab während der EHEC-Epidemie einen vielstimmigen Chor von Spekulationen, die von verschiedener Seite in die Welt gesetzt wurden. Als Ursachen für den Ausbruch wurden Schnittblumen, Biogasanlagen, Fleisch oder Bioterrorismus vermutet. Als Ministerium kann man diese Spekulationen nur mit sachlicher Information entkräften. Das haben wir als Bundesgesundheitsministerium zusammen mit dem Bundesverbraucherschutzministerium und den zuständigen Instituten getan. Auch die Versorgung der kranken Menschen war sehr gut. Ärzte und Pflegekräfte haben Großartiges geleistet. Aber es gibt nichts, was man nicht besser machen kann. Wir wollen insbesondere die Meldeverfahren überdenken und verbessern.
Verhindern können Sie solche Ausbrüche mit absoluter Sicherheit nie. Daher ist vor allem eine fundierte fachliche Aufklärung der Bevölkerung wichtig. Und natürlich darf die Hygiene nie außer Acht gelassen werden.

Sind Sie in solchen heiklen Momenten wie der EHEC-Krise gern Gesundheitsminister?
Es waren für mich sehr arbeitsreiche erste Wochen. Aber wenn man sieht, wie viele Menschen daran mitgewirkt haben, dass der Ausbruch eingedämmt wird, dass die Menschen medizinisch gut versorgt werden und am Ende sogar die Ausbruchsursache gefunden wird, kann man sehr zufrieden sein.

Woher kommt Ihr Interesse für Gesundheitspolitik?
Für Gesundheitspolitik interessiere ich mich schon seit dem Einzug in den Bundestag 2002 als Mitglied im Gesundheits- und Sozialausschuss. Damals hat mich das Thema Pflege sehr beschäftigt, weil mein Großvater pflegebedürftig war und ich vieles als sehr bürokratisch empfunden habe.

Was tut die Bundesregierung dafür, dass der Nikotin- und Alkoholkonsum unter Jugendlichen noch weiter reduziert wird?
Hier liegt die Verantwortung auch bei den Jugendlichen selbst. Die negativen Folgen vom Rauchen und erheblichem Alkoholkonsum sind bekannt. Ich selbst habe früher geraucht und damit aufgehört, weil es mir gesundheitlich nicht gut tat. Seither fühle ich mich viel fitter.

Als Bundesregierung verfolgen wir beim Thema Drogen und Sucht einen vorbeugenden Ansatz. Wir wollen durch Information und Aufklärung Wege aufzeigen und Hilfe zum Ausstieg geben. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bieten hierbei viel Unterstützung durch Programme, Initiativen und Informationsangebote.

Haben Sie gesundheitsgefährdende Laster?
Ich esse sehr gerne Lakritz, dunkle Schokolade oder trinke auch hin und wieder ein gutes Glas Wein. Ich würde das aber nicht als Laster ansehen. Genuss in Maßen und im Kreise von Freunden steigert sogar das Wohlbefinden.

Haben Sie einen Organspendeausweis?
Ja, ich habe schon seit zehn Jahren einen Organspendeausweis. Der steckt bei mir in der Brieftasche und ist immer dabei. Ich habe mich entschieden, einen Spendeausweis auszufüllen, um meiner Familie die Entscheidung nicht aufzubürden. Wir haben eine große Lücke zwischen einer allgemeinen Spendenbereitschaft in der Bevölkerung und der tatsächlichen Bereitschaft, dann auch einen Organspende-
Ausweis auszufüllen und bei sich zu tragen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir ein Vertrauen in die Organspende nicht nur erreichen, sondern vor allen Dingen auch erhalten. Wir müssen Ängste durch Aufklärung und Informationsangebote nehmen, damit das JA zur Spende auch leichter fällt. Für mich ist die Organspende ein Beweis von Nächstenliebe. Die Mehrheit der Bevölkerung würde eine Organspende in Anspruch nehmen. Das kann aber nur funktionieren, wenn es genug Spender gibt.

In Deutschland gilt die erweiterte Zustimmungslösung. Organe können nach dem Tode also nur entnommen werden, wenn der Organspender dem auf einem Organspendeausweis zu Lebzeiten zugestimmt hat oder Angehörige den Willen des Verstorbenen kennen und eine Entscheidung treffen. In einigen Ländern in Europa (Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Österreich) gilt dagegen die Widerspruchslösung. Organe können nach dem Tod entnommen werden, wenn man das nicht ausdrücklich ausgeschlossen hat.

Regional ist das Spende-Aufkommen in Deutschland übrigens unterschiedlich. Das liegt daran, dass in einigen Regionen und Kliniken viel Aufklärung stattfindet und Transplantationsbeauftragte die postmortale Organspende in den Klinken effizient fördern. Wir wollen die Strukturen der Organspende daher weiter verbessern. Ziel ist, dass in jeder Klinik ein Transplantationsbeauftragter eingesetzt wird. Der Beauftragte muss Ansprechpartner sein, Fragen klären und Ängste nehmen.

Wie könnte das Gesundheitssystem in Zukunft aussehen?
Prävention und Vorbeugung, das wären die Säulen auf denen ich ein Gesundheitssystem der Zukunft aufbauen würde. Viele chronische Erkrankungen lassen sich von vorneherein durch präventive Maßnahmen vermeiden und viele chronische Erkrankungen - nehmen Sie nur den Alterszucker - lassen sich mit mehr Bewegung und bewusster Ernährung positiv beeinflussen. In allen Gesellschaftsbereichen, sei es zu Hause, sei es am Arbeitsplatz oder im Alltag gibt es genügend Möglichkeiten sich zwischen gesunden und weniger gesunden Alternativen zu entscheiden. Ich würde mir wünschen, dass wir insgesamt bewusster und verantwortungsvoller mit unserer Gesundheit umgehen.
Das ist aber nicht nur Zukunftsmusik. Wir möchten zum Beispiel mit unserer Initiative zur betrieblichen Gesundheitsförderung dafür sorgen, dass dieses Bewusstsein stärker verbreitet wird.

Welches halten Sie derzeit für das dringendste Problem im deutschen Gesundheitssystem?
Wir wollen dem drohenden Ärztemangel in der Fläche begegnen. Mit den richtigen Anreizen wollen wir für attraktive Bedingungen sorgen, so dass sich junge Mediziner gerade in der Fläche niederlassen. Wir stellen leider fest, dass es inzwischen Regionen in Deutschland gibt, in denen Ärzte keine Nachfolger mehr finden und es auch im Pflegebereich immer schwieriger wird, den steigenden Fachkräftebedarf zu decken. Vor allem in der Fläche in den ostdeutschen Bundesländern ist dies zunehmend ein Problem.

Wenn Gesundheit so wichtig ist, warum ist sie dann so teuer?
Deutschland hat im internationalen Vergleich ein sehr gutes Gesundheitssystem und das Gesundheitswesen ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor. Mit mehr als 4 Millionen Arbeitnehmern und einem Umsatzvolumen von über 260 Mrd. Euro pro Jahr. Das ist deutlich mehr als in der Automobilindustrie. Wichtig ist, dass das System weiterhin gute Versorgung bietet und bezahlbar bleibt. Als Patient wünscht man sich die beste medizinische Versorgung. Als Beitragszahler hat man dagegen geringe Beiträge und damit die Kosten im Blick. Diese Interessen gilt es auszugleichen, damit jeder unabhängig von Einkommen oder sozialem Stand die Leistungen bekommt, die er benötigt.

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Neben ausreichend Sport wie Joggen, Skifahren im Winter und Wandern im Sommer, achte ich auf ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Außerdem rauche ich seit vielen Jahren nicht mehr. Ich mache auch schon einmal die eine oder andere Auszeit, um meine Gedanken zu sortieren.

Das Interview führte Alexandra Sturm.

Weitere Informationen zum Thema

Interview - 08. Juli 2011

Es gibt keinen Anspruch auf Nächstenliebe

Daniel Bahr im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung

Mehr erfahren
Interview - 02. März 2012

Ich habe seit vielen Jahren selbst einen Organspendeausweis

Bundesgesundheitsminister Bahr über die neue Spenderegelung

Mehr erfahren
Artikel - 28. Oktober 2011

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung

Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler hat Wolfgang Zöller (MdB) …

Mehr erfahren
Interview - 02. Mai 2012

Machtlos gegen selbst ernannte Experten

Verbraucherministerin Aigner und Gesundheitsminister Bahr blicken auf die EHEC-Seuche

Mehr erfahren

Service

Publikationen

Gesetze und Verordnungen

Das Gesetz zur "Änderung des Infektionsschutzgesetzes" hat den Bundesrat passiert.

Weitere Informationen Alle Gesetze im Überblick

Themen von A-Z

Das Glossar erklärt wichtige Begriffe zur Gesundheitspolitik

Zur Themenübersicht

Kontakt und Service

Hier finden Sie die verschiedenen Serviceangebote des BMG

Alle Services im Überblick

Übersicht wichtiger Links

Fußleiste

© 2012 Bundesministerium für Gesundheit
Zum Seitenanfang